1 Lektion / Lebensgeschichte Melle Lenormand

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Die Lebensgeschichte von Marie Anne Lenormand

WebLogoOpHineingebohrten in eine wohlhabende Tuchhändlerfamilie erblickte Marie-Anne am 27.Mai 1772 in Alençon, Basse-Normandie in Frankreich das Licht der Welt.

Zu dieser Zeit herrschte der König in Paris an der Spitze der französischen Gesellschaft. Nur Kirche und Adel besaßen Privilegien, machten aber nur 2% der Bevölkerung aus. Das Bürgertum war politisch unbedeutend, obwohl es 98% der Bevölkerung umfasste. Die recht einflussreiche Oberschicht des Bürgertums, die etwa mit 4% vertreten waren, bildeten die Manufaktur- und Bergwerksbesitzer, Finanziers, Reeder, bürgerliche Grundherren sowie Notare, Anwälte und Ärzte. Danach folgten in der Hierarchie die Kleinbürger mit etwa 9% der Gesamtbevölkerung. Die große Masse von 85% der Menschen waren Bauern und Landarbeiter, sowie Tagelöhner und Arbeiter. Die meist in erbärmlichen Verhältnissen lebten, von Missernten, Seuchen und Hungersnöten geplagt.

Durch die Ständeordnung herrschte in der Gesellschaft eine feste Moralvorstellung: Gesellschaft, soziale Stellung, Alltagssorgen und Herrscher sind gottgewollt und somit nicht hinterfragbar.

In philosophischer Hinsicht war es die Zeit der Aufklärung, die diese „gottgewollte“ Ordnung hinterfragte. Die Vernunft als universelle Urteilsinstanz rückte in den Vordergrund. Gesellschaftlich zielte die Aufklärung auf mehr persönliche Handlungsfreiheit, Bildung, Bürgerrechte, allgemeine Menschenrechte und das Gemeinwohl als Staatspflicht. Es begann ein Umbruch in allen Lebensbereichen, weg von der Tradition, hin zur Moderne, als Gegenbewegung zur Antike. So kam es am Ende des 18.Jahrhunderts zur Französischen Revolution, wo das Bürgertum mit ihrem Schlachtruf “Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit „ politische Macht oder Teilhabe gewann.

In wirtschaftlicher Hinsicht bekam das stak durch staatliche Eingriffe geprägte Wirtschaftsmodell, Konkurrenz vom moderneren Wirtschaftsliberalismus und es waren die Anfänge der Industriellen Revolution. Der Übergang zur Industriegesellschaft, die Bildung von Nationalstaaten und auch die Beschleunigung von Mobilität und Kommunikation waren richtungsweisende Prozesse des 19. Jahrhunderts, die etwa ab der Mitte und erst nach dem Tod von Madame Lenormand einsetzten.

Gestorben ist Madame Lenormand am 25.Juni 1843 in Paris. Melle. Lenormand wusste immer, das sie irgendwann einmal wegen Ärztepfusch sterben würde. Weswegen sie ein Leben lang versuchte Ärzten aus dem Weg zu gehen. Leider war sie im heißen Sommer 1843 gezwungen sich einer Operation zu unterziehen. Eine infektiöse, eitrige Blasenerkrankung erforderte einen sofortigen Eingriff. Worauf ihre Prophezeiung leider prompt eintraf.

Marie-Anne ist beträchtlich alt geworden. Immerhin stattliche 71 Jahre.  Für damalige Verhältnisse ein hohes Alter. Wer weiß, wie alt sie geworden wäre, wenn sie ihre Prophezeiung nicht ernst genommen hätte.

Schon der Beginn ihres Lebens hatte mit dem Tot zu tun. Vier Jahre vor ihrer Geburt, am 16.September 1768 kam ihre Schwester zur Welt. Ihre liebe Mutter Anne-Marie geb. Gilbert nannte ihre erste Tochter Marie-Anne. Diese verstarb wenige Stunden später am Kindstod. Als nun die zweite Tochter am 27.Mai 1772 zur Welt kam, gab sie ihr wiederrum den Namen Marie-Anne. In dem alten überliefertem Glauben, dass die tote Seele der verstorbenen Tochter in diesem Mädchen weiterlebe, wenn es denselben Namen wie das tote Kind bekäme.

Wahrscheinlich begründen sich darauf die außerordentlich stark ausgeprägten Fähigkeiten der Wahrsagekunst der Melle Lenormand. Eine Seele die aus dem Reicht der Toten zurück ins Leben schlüpft und im Neugeborenen weiter lebt, bringt Kräfte aus dem Jenseits mit.

Marie-Annes Vater Jean-Louise Lenormand, der ein wohlhabender Tuchhändler war, verstarb im Jahre 1773. Erneut schloss ihre Mutter den Bund der Ehe im Jahre 1774, mit Isaac Rosay des Fontaines. Klingt nach Adelstitel, war aber es so recht keiner. Isaac führte den Tuchhandel von Jean-Louise fort. Leider wurde Marie-Anne im Alter von fünf Jahren 1777 zur Vollweise. Ihre geliebte Mutter verstarb im Kindsbett. Sie hinterließ nicht nur Marie-Anne, sondern weitere Kinder von beiden Ehemännern.  Isaac verstand sich gut auf die Geschäfte des Ateliers und machte Pläne ein weiteres Geschäft in der Hauptstadt zu eröffnen. Um der Kinderschar Herr zu werden und wegen der wohltuende Mitgift  heiratete Isaac 1779 Louise.  Marie-Anne beschrieb ihre Stiefmutter als mürrisch, bigott, ohne jeden Humor und ohne jegliche Lebensfreude.

Marie-Anne selber strotzte nur so vor Gesundheit und Lebensfreude. Sie war ein pausbäckiges, quirliges Mädchen mit eigenem Kopf. Gerne streifte sie durch die Straßen und alle kannten sie wegen ihrer drolligen Art. Louise, ihre Stiefmutter, gefiel so Garnichts an diesem kleinen Mädchen. Sie fand es dick, von grober Natur, mit vulgären Gesichtszügen und einem rauen Teint, wie ihn die Bauern hatten. Zudem hatte sich Marie-Anne den niederen Umgangston der einfachen Leute auf der Straße angewöhnt. Sie war mehr ein Kind aus den Armenvierteln denn aus der Grand-Rue. Und hatte einen Blick, der in einem eher Angst hervorrief, anstatt ihm zu schmeicheln. Ihren kleinen, frechen, schwarzen Augen entging einfach nichts. Sie mischte sich in alles ein, plapperte unentwegt ohne Unterbrechung und gab zu allem und jedem ständig ihre Meinung zum Besten, obwohl sie niemand drum gebeten hatte. Louise zeigte ihre Feindseligkeit, indem sie das widerliche Stiefkind Ohrfeigte oder mit Peitschenhieben zu bändigen versuchte, auch aus geringstem Grund.

Marie-Anne entzog sich so oft sie konnte in die Freiheit nach draußen und durchstreifte die Gegend. Das gab ihr Kraft. Kam die zottelige, kleine Ausreißerin mit ihren zerrissenen Kleid von ihren nächtlichen Streifzügen wieder nach Hause, erwartete sie ruhig und gelassen ihre Dresche, die sie allmorgendlich bekam.

Ihr Patenonkel Jean-Samuel Gilbert, der ein Herz für Marie-Anne hatte, sorgte dafür, dass dieser kleine Wirbelwind in der eleganten Klosterschule der  Benediktinerinnen untergebracht wurde.

Zum Staunen aller gewöhnte sich Marie-Anne sehr schnell in ihre neue Umgebung ein und nahm rege am Unterricht teil. Im Oktober des Jahres 1781, im Alter von 9 Jahren prophezeite Marie-Anne der Äbtissin ihrer Klosterschule, dass diese abgesetzt werden würde.  Solche Voraussagen brachten ihr aber keineswegs Vorteile, ganz im Gegenteil, als die Prophezeiung eintraf, wurde sie wegen ihrem Hang zur Mystik hinausgeworfen. Keine Hexe im Kloster!

Die Kunden des Ateliers sprachen über die seherischen Gaben von Marie-Anne. Diese fühlte sich dabei sehr interessant und wiederholte ihre Vorhersagen bei jedem, der sie danach fragte. Louise konnte dieses prahlerische Mädchen ohne jeglichen Reiz nicht mehr ertragen und setzte sie mit 11 Jahren zu einer Schneiderin für die einfache Kundschaft.

Hier mache das Kartenlegen unter den bürgerlichen Mädchen gerade Furore. In ihren Schürzen versteckten die jungen Mädchen das Kartenspiel von Etteilla. Die Bilder des Tarots waren schön und inspiriert von der Mode aus Ägypten, die in Paris gerade der letzte Schrei war. Im Atelier wurde zu weilen die gesamte Arbeit durch das Kartenlegen aufgehalten. Wodurch sie so ihre zukünftige soziale Stellung, ihr Vermögen und besonders einen Ehemann herauszufinden suchten. Bald schon war Marie-Anne die schnellste und geschickteste beim Kartenlegen.

1789 machte sie die Bekanntschaft mit Monsieur Bonaventure Guyo. Einen herausragenden Astrologen. Er unterwies Marie-Anne in der Kunst des Sternenlesens. Ihre hervorragenden mathematischen Fähigkeiten fanden in der Astrologie ihren Widerhall. An allem und jeden im Esoterischen interessiert, reiste Marie-Anne im gleichen  Jahr nach England, um den Arzt Dr. Gall auf zu suchen. Er besaß die Fähigkeit aus Schädelausbuchtungem den Charakter und die Veranlagungen herauszulesen. Als er Marie-Anne eröffnete, dass sie die seltene Veranlagung einer großen Seherin in sich trüge, stand für sie der Entschluss fest, sich in England in diesem Metier selbständig zu machen. Es herrscht zu jener Zeit hierfür ein besonders guter Nährboden. Die Engländer waren an allem Übernatürlichen sehr interessiert und französische Wahrsager standen besonders hoch im Kurs, wie die französische Mode. In weniger als einem Jahr war Marie-Anne zu einer reichen Frau geworden.

Doch die Sehnsucht brachte Madame Lenormand zurück in ihre Heimat. Im Alter von 21 Jahren (1793) machte sie sich in Paris mit einem Büro für Wahrsagerei selbständig. Zu dieser Zeit war die Französische Revolution (1789 bis 1799) im vollen Gange. Im Zeichen des Kampfes für Menschenrechte, bürgerliche Freiheitsrechte und die Schaffung einer konstitutionellen Monarchie, wurden tiefgreifende macht- und gesellschaftspolitische Veränderungen in Gang gesetzt, die sich auf ganz Europa ausbreiteten und das moderne Demokratieverständnis begründeten. Madame Lenormand traf in dieser Zeit mit den drei einflussreichsten Männern der Französischen Revolution Marat, Robespierre und Saint-Just zusammen. Diesen sagte sie ihr tragisches Ende voraus! Die darauf folgende Verhaftung durch den Wohlfartsausschuss machte sie nur noch bekannter.

Ab dem Jahre 1797 wohnte Melle Lenormand in der Rue de Tournon und betrieb dort die Wahrsagerei für Kunden aus allen Gesellschaftsschichten. Kaiserin Josephine beriet sie in intimen Angelegenheiten. Beide Damen verband eine sehr enge Freundschaft. Insbesondere hat sie ihr die Scheidung von Napoleon im Jahre 1807 vorhergesagt. Der Kaiser Alexander von Russland, Napoleon, unzählige namenhafte Politiker, einflussreiche Geschäftsleute und Adelige, Frauen von Welt, ebenso das ganz einfache Volk, wie Dienstmädchen und Hausangestellte zogen Madame Lenormand zu Rat und ließen sich die Zukunft vorhersagen.

Im Jahre 1821 wurde sie in Brüssel unter der Anklage der Spionage mit der Todesstrafe bedroht, das Urteil lautete Hexerei. Ihre mutigen und für die damalige Zeit sehr gewagten Prophezeiungen brachten ihr nicht nur Freunde ein, aber ihre Anhänger schaffen es immer sie vor Bestrafung zu schützen.

Im Jahre 1830, nach der Julirevolution zog sich Marie-Anne Lenormand in ihr Privatleben zurück und legte nur noch für ihre Freunde die Karten und genoss ihren Reichtum.

Melle Lenormand ist eine sehr berühmte Wahrsagerin! Sie hielt mutig den Widrigkeiten Ihrer Epoche stand, ließ sich trotz mehrfacher Gefangenschaften wegen ihrer Weissagungen nicht beugen und blieb sich selbst treu. Sie prägte Ihre Epoche!

Marie-Anne Lenormand schrieb viele Bücher.  Mit ihrer Veröffentlichung über die Kaiserin Josephine und Napoleon im Jahre 1820 wurde sie weit über die Grenzen Frankreichs hinaus bekannt. In ihren persönlichen Nachlass befanden sich umfangreiche Aufzeichnungen zu ihrer Tätigkeit als Wahrsagerin. Daraus entwickelten sich die Lenormandkarten. Die bis heute nichts an ihrer Faszination verloren haben und in der ganzen Welt bekannt sind.

Das hier vorgestellte Deck der Blauen Eule ist das weit verbreitetste und eignet sich hervorragend für das Studium des Kartenlegens, auch Kartomantie oder Chartomantik genannt.

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